Donnerstag, 18. Juni 2009

Es ist Winter in Bolivien!

San Ignacio de Velasco, Bolivien, 13. Juni 2009,
Rundbrief Nr. 7

Einen herzlichen Gruß an alle aus dem „winterlichen“ San Ignacio.

Endlich finde ich wieder einmal einen kleinen Augenblick, um einige Nachrichten über den großen Ozean zu schicken. Mit neuen Aufgaben bin ich im Moment gut beschäftigt, sodass die „Nachrichtendienstabteilung“ bei mir etwas zu kurz gekommen ist... Aber nun die neuesten Meldungen:
Es ist der Winter in Bolivien eingekehrt! In den vergangenen Tagen und Wochen hat sich die gewöhnliche Hitze Urlaub genommen und einer zuweilen ziemlichen Kälte Platz gemacht. Die Tagestemperaturen sind auf winterliche 18 Grad gesunken und in der Nacht eisige 14. Dazu Nieselregen und kalter Südwind. Und obwohl diese Temperaturen nicht sehr kalt erscheinen, man friert wirklich und die ganze Zeit ist man gut in eine Winterjacke eingepackt unterwegs. Die Einheimischen kommen sogar mit Mützen und Handschuhen in die Kirche (wenn sie wegen der Witterung überhaupt außer Haus gehen). Es gibt einfach kein warmes Wohnzimmer, keine Heizung, keinen Ort, an dem man sich aufwärmen könnte. Doch Gott sei Dank dauert diese Kälte nur einige wenige Tage an und danach kommt dann wieder die ein bisschen wärmere Sonne zum Vorschein.
Diesen winterlichen Verhältnissen zum Trotz fehlt es nicht an Gelegenheiten zum Feiern. Neben diversen Festivitäten wie Patronats- und Gründungsfest einiger Landgemeinden und Stadtteile (bei denen der Verkauf der von den Ministranten und Kindern geknüpften Rosenkränze blüht – zur Finanzierung neuer Tuniken und Gewänder für den Gottesdienst) wird hier der Día de la madre am 27. Mai viel mehr gefeiert als in Deutschland, mit einer Vielzahl von Ehrenveranstaltungen, Festessen und Feiern für alle Mütter. Auch in der Pfarrei haben wir ein kleines Fest durchgeführt – mehr eine Art „Bunter Abend“ – um sämtlichen Müttern die Ehre zu erweisen.
Am darauffolgenden Wochenende das Hochfest des Heiligen Geistes: Pfingsten. Bereits am Samstag Abend feierten wir zusammen mit den Jugendlichen, die sich auf ihre Firmung vorbereiten, die Pfingstvigil; von den Jugendlichen selbst sehr schön gestaltet, mit einem großen Pfingstfeuer und Lichterprozession. Im Anschluss an die Messfeier blieb man noch etwas zusammen, um sich mit Kaffee und Tänzen zu erwärmen.
Und schließlich das in Bayern so groß gefeierte Fronleichnam, la fiesta de Cuerpo y Sangre de Cristo, das hier in San Ignacio einen ähnlichen Charakter hat, jedoch nicht von so großer Bedeutung ist. Trotzdem lässt man sich Schulfrei und einen morgendlichen Festgottesdienst mit anschließendem Umzug mit dem Allerheiligsten rund um den Dorfplatz nicht nehmen.
Einige werden jetzt in dieser Aufzählung vielleicht die Maiandachten vermissen; mit Recht. Denn diesen Brauch gibt es hier nicht. Natürlich wird im Marienmonat Mai etwas mehr Wert auf das Rosenkranzgebet gelegt, doch Maiandachten nicht. Aber eine lebensgroße Marienstatue von einer nahe dem Dorf gelegenen Kapelle tritt ihre „Reise“ durch die drei Pfarreien und deren Siedlungsgebiete an und verweilt so während des Monats Mai unter den Gläubigen.
Doch das Leben besteht, wie jedermann weiß, nicht nur aus Feste feiern. So bin ich etwas am Kämpfen mit der im Oktober vergangenen Jahres angefangenen Gruppe für Krankenpastoral: vor der Karwoche hat sich diese Gruppe aus unauffindbaren Gründen ins Nichts aufgelöst; die Jugendlichen sind einfach nicht mehr zu den Besuchen und den wöchentlichen Gruppenstunden gekommen. Aber finde ich, dass dies eine wichtige Aufgabe ist und in jeder Pfarrei eine solche Gruppe alte und kranke Personen besuchen sollte, die sich oft sehr verlassen und alleingelassen fühlen, weil sie niemanden haben, der sie besucht oder für sie sorgt. Da bleibt keine andere Wahl als einen Neuanfang zu starten, was wir vor zwei Wochen getan haben. Mit neuen Leuten, neuer Initiative, neuer Hoffnung. Diese Team, nun Erwachsene und Jugendliche gemischt, wird hoffentlich etwas pflichtbewusster den Ideen und Aufgaben der Pastoral de Salud nachgehen.
Die andere Gruppe der Pfarrei „Maria Asunta“, mit der ich intensiv arbeite, ist die Musikgruppe, mit welcher wir jetzt einige Aufnahmen von Liedern machen und eine CD herausgeben wollen. Besonders auch mit dem Ziel, den Leuten auf dem Land in den Landgemeinden eine Möglichkeit zur musikalischen Unterstützung in ihren sonntäglichen Wortgottesdienstfeiern anzubieten, denn diese Feiern sind musikalisch oft sehr ärmlich.
Wie bereits im letzten Rundbrief erwähnt, arbeite ich nun auch in der Nachbarortschaft San Miguel als Lehrer für Violine und Orchester, sowie als Koordinador der kleinen Musikschule, umfassend zwei Streichorchester – Anfänger und etwas Fortgeschrittenere (mit Einzelunterricht für jeden Instrumentalisten) – und einen Chor. Im Moment bin ich der einzige Lehrer, der mit den Streichern arbeitet, und es gibt einen freiwilligen Helfer, der mit dem Chor dasselbige tut. Jedoch sind wir dabei, mit der Gemeindeverwaltung und einer Organisation aus Santa Cruz einen Vertrag zu schließen, der die Arbeit von zwei weiteren Lehrern ermöglicht, einen Lehrer für Violoncello und Orchester und einen Lehrer für den Chor. Doch bis jetzt ist dieser Vertrag auf Grund von bürokratischen Verlangsamungen und Kommunikationsproblemen noch nicht zustande gekommen. Aber die musikalische Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen gefällt mir sehr, auch wenn man mit einigen widerlichen Umständen zu kämpfen hat. Die Kinder sind sehr begeistert und kommen in der Regel zu den Orchesterproben. Nur den Sinn des Einzelunterrichtes scheinen einige noch nicht ganz begriffen zu haben, denn dazu erscheinen nur ein paar wenige. Die Probendisziplin ist in dieser Hinsicht etwas schlaff; klar, dass es für jedes Nichterscheinen eine perfekte Ausrede gibt: Vigil eines besonderen Festes, Volleyballtraining, Erkältung oder einfach nur „hace frío“ (= Es ist kalt). Aber so ist das nun... Das ist die hiesige Mentalität. Auch hat man uns bereits im Rahmen eines alljährlich stattfindenen kleinen Festivals als Konzertgeber eingeplant und eine Konzerttournee in zwei Nachbarsortschaften organisiert. Wir werden sehen, ob wir bis Ende August, wo diese Konzerte stattfinden sollen, ein Konzertprogramm auf die Beine stellen können. Hoffentlich können wir in den am 27. Juni beginnenden Winterferien etwas intensiver proben.

Nun will ich diesen heute etwas kürzeren Bericht mit den allerbesten Wünschen und Grüßen an alle abschließen und mich dem Papayamarmeladekochen widmen, um dieser Menge an reifenden Papayas in unserem Garten Herr zu werden!
Gottes Segen und alles Gute bis zum nächsten Bericht.

Euer Severin
Es ist der Winter eingekehrt!

... so dass sogar der Haushüter friert.

Pfingsten - die geschmückte Pfarrkirche

die Pfingstvigil am Vorabend am Kircheneingang

natürlich mit Pfingstfeuer



einige Eindrücke von Fronleichnam: hier in der typischen Tracht

...und "Blas-kapelle"

Am Eingang der Katedrale

Die Fronleichnamsprozession mit dem Allerheiligsten

Bibelkatechese in einer Landgemeinde

dabei dürfen natürlich die Spiele nicht fehlen!

Und zu diesem Treffen kommt man selbstverständlich mit dem "bici" - dem Fahrrad, denn zu Fuss wäre es zu weit.

... oder mit dem Eselkarren


Eindrücke vom Orchester der Musikschule in San Miguel

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen