Donnerstag, 23. April 2009

¡Felices Pascuas! - und eine erlebnisreiche Karwoche

San Ignacio de Velasco, Bolivien, 24. April 2009,
Rundbrief Nr. 6

Frohe und gesegnete Ostern wünsche ich allen noch im Nachhinein!

Ihr habt hoffentlich eine schöne, gesegnete und erfahrungsreiche Kar- und Osterwoche hinter Euch und die Auferstehung Christi gebührend gefeiert. Ich jedenfalls schon – wenn es auch etwas stressige Wochen waren.
Die Vorbereitungen für die Karwoche haben bereits wenigstens zwei Wochen vorher begonnen: Planung und Verteilung verschiedenster Aufgaben für die kirchlichen Feiern und Prozessionen, Veranstaltung einer „kermes“, einer Art Pfarrfest, Generalreinigung der Kirche, und so fort... Schon an der Fülle der Vorbereitungen hat man gemerkt, dass diese Woche für die Leute hier etwas ganz besonderes ist; um bei den Vorbereitungen mitzuhelfen, erscheinen Personen in der Pfarrei, die normalerweise das ganze Jahr nicht gesichtet werden.
Doch beginnen wir mit dem Letztgenannten: die „Generalreinigung“ unserer ziemlich großen Kirche. Eine Gemeinschaftsaktivität, an der alle in der Pfarrgemeinde existierenden Gruppen mehr oder weniger begeistert teilnahmen: die Firm- und Kommuniongruppenleiter, Musikgruppe, Ministranten, Cabildo (deren eigentliche Aufgabe die Instandhaltung und Reinigung des Kirchengeländes ist, sowie die in Prozessionen benötigte Organisation und Musikkapelle stellen), die Gebetsgruppe „Legion Marias“, Familiengruppe, Krankenpastoralgruppe und einige freiwillige Helfer mehr. Doch diese Generalreinigung hatte ich mir dann doch etwas gründlicher und umfassender (oder einfach vielleicht etwas „deutscher“) vorgestellt. Sie bestand mehr aus einem „Kirche-vollständig-unter-wasser-setzen“ und danach versuchen, die Wassermassen wieder aus der Kirche hinauszubefördern. Auch hatten wir den Versuch gestartet, wenigstens die großen Statuen und besonders auch das Kirchendach (innen) zu reinigen, wobei letzteres jedoch an der enormen Höhe desselbigen und mangels einer Leiter gescheitert ist. So wurde zumindest die Kirche einmal mehr gut „durchgespült“...
Das darauffolgende Wochenende die „kermes“ und zugleich Palmsonntag. Ein gut gefüllter Tag, am frühen Morgen die Palmsegnung (hier werden echte, mit Blumen geschmückte Palmzweige gebracht) und dem Festgottesdienst. Gleich im Anschluss an jenen fand die „kermes“ statt; die Grundidee für diese Veranstaltung war Geld zu sammeln für die geplante Konstruktion eines Pfarrsalons. So hat jede Gruppe der Pfarrgemeinde diesbezüglich etwas beigetragen. Einige haben sich dem Verkauf von einheimischen Gerichten als Mittagessen gewidmet, die Musiker haben den ganzen Vormittag und frühen Nachmittag für Animation und musikalische Unterhaltung gesorgt, es wurden Tombola, Spiele, Verlosungen usw. durchgeführt und zu guter Letzt brachte ein kräftiger Regenschauer Abwechslung und eine durchaus „feuchte“, lustige Stimmung.
Nach der „kermes“ hatte es dann schon jeder eilig, um sich auf den Weg zu machen zur großen am Nachmittag veranstalteten Palmprozession, an welcher die ganze Stadt teilnimmt – alle mit großen, bunt geschmückten Palmwedeln. Von einer kleinen Kapelle ausgehend, zieht das Volk, angeführt vom Bischof, den Ministranten der Katedrale und – von dem wohl wichtigstem an diesem Tag – der etwa lebensgroße Statue des auf dem Esel in Jerusalem einziehenden Jesus. An der Katedrale angekommen, versammeln sich die Gläugiben zum großen Palmsonntagsfestgottesdienst. Am darauffolgenden Montag wäre dann erst einmal eine kleine Erholungspause angesagt gewesen, doch aus dieser wurde auf Grund der vielen Vorbereitungen für die kommenden Tage nichts.
Besonders auffällig für mich ist die Vielzahl der Prozessionen, die in der Pfarrei hier ihre Tadition haben während der „Semana Santa“, was wörtlich übersetzt heißt „Heilige Woche“, also der Karwoche. Abgesehen von den beiden Prozessionen am Palmsonntag gibt es jeden Abend nach der Messe eine Prozession, vom Karmittwoch bis zum Karsamstag nach der Osternacht, und immer werden irgendwelche besonderen Statuen oder Figuren mitgeführt. Bei allen Prozessionen folgt man stets dem selben Weg, der im Viereck die Kirche einschliesst, welche das Zentrum bildet. Jeder Eckpunkt ist mit einem großen Holzkreuz auf der Wegkreuzung gekennzeichnet.
Der Gründonnerstag wurde in der Messe sehr besonders gefeiert mit schauspielerischen Darstellungen der textlichen Inhalte der Gründonnerstags-litrugie wie z.B. der Fusswaschung der 12 Apostel durch Jesus nach der Lesung des Evangeliums. Anschließend an den Gottesdienst fand eine Prozession ihren Platz, die sehr der im Süden Deutschlands gebräuchlichen Fronleichnamsprozession ähnelt: die Pfarrgemeinde zieht mit dem Allerheiligsten, den Statuen von Maria, Josef und Johannes, Blumen, Musikkapelle und der „estandarte“, der Ehrenfahne der Pfarrei, durch die Siedlungsbereiche des Gemeindegebietes. Im Anschluss an die Prozession versammelt man sich neuerdings in der Kirche, wo das Allerheiligste in ein vorbereitetes Monument (oder einen Seitenaltar) übergeführt wird und die Pfarrgemeinde in eucharistischer Anbetung bis etwa ein oder zwei Uhr morgens verharrt.
In dieser Nacht blieb wenig Zeit für Schlaf. Denn kaum hat man sich auf’s Ohr gelegt, so rufte der Wecker schon wieder zum Aufstehen: 4.30 Uhr früh. Hinaus zum ersten Karfreitagskreuzweg, in Stille und Gebet in den frühen Morgenstunden zu einer Kapelle pilgernd, dem Sonnenaufgang entgegen.
Zur Pfarrkirche zurückgekehrt, schliesste sich der nächste, aber weitaus lebendigere Kreuzweg an: der „viacrucis viviente“, bei dem die Kreuzweg-stationen theatralisch von den Jugendlichen dargestellt werden, in wunderbaren Verkleidungen und sehr lebensgetreu, bis hin zur Kreuzigung des Jesus und seiner Auferstehung. Nachmittags um drei Uhr begann dann, wie überall auf der ganzen Welt, die große Karfreitagsliturgie.
Ein ganz besonderer Akt, wohl in Deutschland eher unbekannt, ist der Abschluss des Tages mit der „desclavada“, der Abnahme der Statue des Gekreuzigten vom Kreuz. Der Körper Christi wird damit in ein bereits für die sich daran anschließende nächtliche Prozession vorbereitetes „Sepulcro Santo“, ein Heiliges Grab, gebetet; zuvor aber noch von einer in Trauerkleid gehüllten Frau mit Ölen gereinigt und balsamiert. Diese Prozession, begleitet von Trauermusik und dem Heiligen Grab, bildete den Abschluss dieses langen und sehr eindrucksvollen Karfreitags.
Der Karsamstag began mit vielen noch ausstehenden Vorbereitungen, die für die Osternacht in der Nacht notwendig waren: Blumen- und allgemeiner Kirchenschmuck, ein letzter Reinigungsgang, Vorbereitungen der Liturgie, und ganz wichtig aber sehr anstrengend, Probe mit den Ministranten für die anstehende große Messe. Letzteres war naturgemäß in den Tagen der Karwoche mehrmals nötig; wie schwierig scheint es doch zu sein für eine größere Gruppe von Kindern, sich auch nur für eine Stunde Probe zu konzentrieren!
Am Abend, 21 Uhr, tritt dann plötzlich eine ganz besonders feierliche und ruhige Stimmung ein. Die feierliche Osternacht, beginnend mit der Segnung des Osterfeuers auf der Wegkreuzung vor der Kirche, an welchem die große Osterkerze entzündet wird. Mit dem Licht dieser Kerze – eine kleine Flamme nur – ziehen die Ministranten, die beiden Priester und im Anschluss auch das ganze Volk in die vollständig dunkle Kirche ein, welche nur von einer kleinen Flamme erleuchtet wird: die Flamme der Osterkerze. Nach und nach wird ihr Licht an die Kerzen der Gottesdienstbesucher verteilt und die Kirche schimmert in wunderbar ruhigem Kerzenlicht. In diese Stimmung eingebettet, erhebt der Kantor seine dunkle Bassstimme zum feierlich gesungenen „Pregón pascual“, dem großen Osterlob. Vom Ambo aus verkündet wirkt dieses umso mehr festlich, da jener zusätzlich von einer Lampe effektvoll erleuchtet wird und sich so von der umgebenden Dunkelheit besonders hervorhebt. Diese Stimmung erhält sich während den Lesungen aller sieben alttestamentlichen Lesungen hindurch (geplant waren eigentlich nur vier Lesungen, doch auf Grund fehlender Absprache las man anstatt den vieren alle sieben, was sich für die Gottesdienstbesucher dann doch spürbar in die Länge zog). Und dann..., das festlich-brilliante Gloria, verkündet durch Gesang, aller auffindbaren Glocken und letztendlich durch die in diesem Moment angezündeten Deckenstrahler der Kirche. Die dunkle, ruhige Stimmung, geprägt vom Kerzenlicht, verwandelt sich plötzlich in die freudige Osterstimmung, in welcher man den großartigen Ostergottesdienst mit der feierlichen Weihe des Taufwassers und der Eucharistiefeier zum Abschluss bringt.
Und obwohl in der Messe drei große 250-Liter-Behälter mit Weihwasser gesegnet wurden, standen eine halbe Stunde nach dem Gottesdienst die Leute bereits auf’s Neue türeklopfend Schlange, um nach Weihwasser zu bitten. Wies man auf die großen Wasserkanister in der Kirche hin, so kam einem nur unverständliches Kopfschütteln entgegen: „Die sind schon lange leer!“ Es ist beispielsweise auch Brauch, dass die Eltern ihren Kindern wenigstens ein Glas Weihwasser zum Trinken reichen, das sie vor allem Übel schützen soll, und danach das ganze Haus gründlich ausweihen.
Am Ostersonntag Mittag, nach dem Festgottesdienst am Morgen, ist die Speisesegnung von besonderer Bedeutung für die Bevölkerung. Nicht nur die größten Platten bereits zubereiteter Speisen, gekochte Hühner und halbe, gebratene Schweine für das Mittagessen der ganzen Großfamilie werden herbeigeschleppt, sondern auch das kleine, eben erst geschlüpfte Kücken (wohl der Festbraten für das kommende Osterfest) darf bei der Segnung nicht fehlen.
Am Abend endlich durften wir ein ganz besonders auserlesenes Osteressen genießen: echte italienische Pizza! Ein italienischer Pfarrer, der in einer Nachbarpfarrei arbeitet, hat uns schon seit längerer Zeit zum Pizzaessen eingeladen. Seit mehr als sieben Monaten endlich wieder einmal eine echte Pizza! Damit fand diese in allerlei Hinsicht sehr intensive und schöne Karwoche einen krönenden Abschluss.
In den vergangenen beiden Wochen kehrte dann endlich wieder etwas mehr Ruhe und Regelmäßigkeit ins Pfarreileben ein, geprägt besonders von der Katechese der Firm- und Kommuniongruppen, und einer neuen Aufgabe, die mir jetzt anvertraut wurde: ganz zu Beginn meines MaZ-Einsatzes war ja geplant, dass ich zur Hälfte hier in San Ignacio in der Pfarrei arbeite, und zur anderen Hälfte in San Miguel mit dem Kinderchor und –orchester dort. Und nachdem diese musikalischen Aktivitäten in San Miguel im letzten Jahr auf Grund von einigen Schwierigkeiten bezüglich Lohnzahlung der beiden dort arbeitenden Musiklehrer sich etwas aufgelöst und bis jetzt keinen Neuanfang in diesem Jahr erfahren hat, so wurde ich gefragt, ob ich nicht die Leitung und Koordination des Orchesters und des Chores, in Zusammenarbeit mit den beiden Musiklehrern des vergangenen Jahres (welche keineswegs über eine gründliche und fundamentale musikalische Ausbildung weder in Theorie, noch in ihrem Instrument haben) übernehmen könne und wolle. So bin ich jetzt dabei, die Instrumente wieder herzurichten und diese kleine Musikschule neu zu beleben. Wir werden ja sehen, ob mir das gelingt, doch bin ich da zuversichtlich. Doch werde ich aber der Pfarrei „Maria Asunta“ in San Ignacio nicht vollständig den Rücken kehren, sondern nur etwa drei Nachmittage mit Musikunterricht in San Miguel verbringen und die restliche Zeit nach wie vor in San Ignacio arbeiten.
Und um zum bereits mehrmals verwendeten Bild der MaZ-Sonnenblume wieder einmal zurückzukehren, scheint es wohl, dass sich ein neuer Zweig nach und nach ausbilden und hoffentlich auch ein paar kleine Blütenknospen ansetzen wird.
So bleibt mir jetzt nach diesem etwas ausführlicheren Bericht nur noch, Euch allen weiterhin alles Gute und Gottes besonderen Segen zu wünschen, und verbleibe mit den besten Grüßen an alle aus San Ignacio.
"Generalreinigung der Kirche"

Wunderbar gestaltete Altäre bei den Prozessionen der Karwoche

Die Musiker bei der "kermes" am Palmsonntag
Unsere Ministranten am Palmsonntag - mit den Palmzweigen in der Hand
Eindrücke der grossen Palmprozession am Palmsonntag Nachmittag...
... bei welcher Jesus auf dem Esel natürlich dabei sein muss!
... und nach dem Gottesdienst will dann jeder mit seinem Palmbüschl die Christusstatue berühren
ein etwas ermuedeter Musiker...
Altar bei der Prozession mit dem Allerheiligsten am Gründonnerstag in der Nacht
Einige Bilder vom theatralisch von Jugendlichen dargestellten Kreuzweg am Karfreitag:
Die klagenden Frauen Jerusalems...
... Jesus, gekreuzigt...
... und die Verkündigung seiner Auferstehung durch die Engel

Prozession am Karfreitag in der Nacht mit dem "Sepulcro Santo", dem Heiligen Grab, das eine zuvor an einem Kreuz befestigte, lebensgrosse Christusstatue enthählt.
Zur Speisesegnung am Ostersonntag wird Essen in jeglicher Form gebracht, sogar das quieckende Küken muss gesegnet werden!

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen