Sonntag, 13. Juni 2010

Die MaZ-Sonnenblume hat ihr Lebenswerk vollendet und ihre Samen gesät

Bergen, Deutschland, 10. Juni 2010


Ein herzliches Grüß Gott an alle!

Jetzt bin ich wieder da! Daheim! Zurück in Deutschland, in der Heimat, bei der Familie, im „altgewohnten“ Umfeld. Fast drei Wochen ist es nun schon her, dass ich in Deutschland wieder gelandet bin. Drei Wochen ist es schon her, dass ich mich von San Miguel und San Ignacio de Velasco verabschiedete, welche in den vergangenen zwanzig Monaten meine Arbeits- und vor allem Lebensumfelder waren, meine „zweite Heimat“.

Zweieinhalb Wochen schon wieder zurück in Deutschland, und doch bin ich irgendwie noch nicht ganz angekommen. Das wird auch noch seine Zeit dauern. Denn hier ist es seltsam, sehr seltsam. „Was?“, willst du fragen, „Was ist seltsam?“. Alles! Es ist nicht leicht, wieder in der Heimat anzukommen. Um ehrlich zu sein, mir fällt es sogar schwerer, als mich von den Leuten, von San Ignacio und San Miguel zu verabschieden. Es ist sehr seltsam, nach zwanzig intensiv gelebten Monaten in einem anderen, weit entfernten Land, einer völlig anderen Kultur wieder zurück in die Heimat zu kommen, wo alles so ganz anders ist, aber gleichzeitig auch so alt-bekannt... Die ersten Tage und Momente in der neuen-alten Heimat erlebte ich wie einen Traum: irgendwie so unwirklich. Wie schlafwandelnd. Man wandelt gedankenlos umher, schaut nur und weiß zuerst gar nicht, wie man sich in diesem „neuen“ Umfeld eigentlich verhalten soll. Ich konnte es gar nicht realisieren, dass ich ja eigentlich schon wieder zurück war, dass ich gar nicht mehr in San Ignacio und San Miguel war. Ein Traumzustand, den es zu überwinden gilt, was aber auch seine Zeit braucht. Es wird noch ein wenig dauern, bis ich völlig in die Gegenwart, ins Daheim zurückgekehrt sein werde. Doch gleichzeitig war dieses sehr intensive Erlebnis des Zurückkehrens auch ein sehr schönes, das ich nicht missen wollen möchte, und das ja auch Teil eines MaZ-Einsatzes ist und sein soll. Es beginnt ein langer, aber wichtiger Verarbeitungsprozess der ganzen erlebten Erfahrungen und Eindrücke, die Verarbeitung der in Bolivien gemachten Eindrücke mit und in der „deutschen“ Realität.

Doch auch nicht leicht war der Abschied aus Bolivien, aus San Ignacio und San Miguel, von liebgewonnenen Menschen, von guten Freunden, stets auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, die allermeisten niemals wieder sehen zu können. Gefeiert wird in Bolivien ja viel und lang, so auch die Abschiede. Die Abschiedsfeste, „nur“ vier im Gesamten, berührten mich sehr stark und ließen mich auch ein Stück mehr erkennen, wie sehr mich auch die Leute vor Ort ins Herz geschlossen hatten. Das erste Abschiedsfest war in San Miguel mit den Kindern und Jugendlichen der Musikschule, welche mir ein großes Fest veranstalteten, bei dem gefeiert, gegessen, getrunken und sogar getanzt wurde. Teilweise kam ich mir ja fast vor, als feierte man meinen Geburtstag, denn auch die dafür üblichen Spielchen (wie die in ganz Südamerika allgemein bekannte „Piñata“, eine Art Überraschungs-Süßigkeiten-Schachtel) fehlten nicht. Doch die vielen Klagen und Einwände der Kinder, welche ich überhaupt sehr oft in diesen Tagen des Abschieds immer wieder mir anhören musste, brachten mich wieder schnell in die Wirklichkeit zurück: „Profe, no se vaya. Tiene que quedarse aquí. Lo necesitamos. Seguro que no le gusta aquí y por eso se va a ir…“ (Geh nicht. Du musst da bleiben. Wir brauchen dich. Sicherlich gefällt es dir hier bei uns nicht und deswegen verlässt du uns…”) und viele andere Einwände mehr. Witzig waren auch immer die Spekulationen, welche die Leute, vor allem die Kinder, oft anstellten darüber, warum ich denn wieder zurückginge. Neben dem Verabschiedungsfest mit den Kindern, Jugendlichen und anschließend auch den Eltern der Musikschule, neben den beiden feierlichen Mittag- bzw. Abendessen mit den Padres, den Schwestern und den Angestellten durfte dann natürlich auch das von der gesamten Pfarrgemeinde von „María Asunta“ in San Ignacio nicht fehlen. Das selbige wurde groß und etwas heimlich (tuerisch) vorbereitet, und so war die Überraschungsfeier auch sehr gut gelungen. Jede Gruppe der Pfarrei hatte am Sonntagabend nach der Abendmesse etwas vorbereitet und dargebracht, es wurde natürlich auch hier gegessen und getrunken, und eine jede Gruppe hat mir sogar ein kleines (oder manchmal auch ein etwas größeres) Geschenk als Erinnerungsstück vermacht. Fand ich sehr nett, aber sie machten mir damit den Abschied auch nicht unbedingt leichter. Persönliche Abschiede von sehr guten Freunden und liebgewonnen Menschen waren sehr schwer, doch auch die Abschiede gehören zum MaZ-Sein dazu und tragen auch zu einem intensiveren Erleben dieser Erfahrungen bei. Ich sehe es auch als Zeugnis dafür, wie sehr man in eine Kultur und ihre Menschen eintauchen kann (und ich auch ehrlich gesagt eingetaucht bin). Denn würde man sich leicht verabschieden, hätte man auch keine starken Bindungen aufgebaut zu den Leuten, aber das ist ja genau das Ziel und der Sinn von MaZ-Sein: in die Kultur eintauchen, um Bindungen und tragende Beziehungen zu den Menschen aufzubauen, denn nur so ist die immer angestrebte „Eine Welt“ realisierbar.

Am darauffolgenden Tag, also am Montag, musste ich dann San Ignacio und die Chiquitanía endgültig verlassen; im Geländewagen, nach Santa Cruz von wo ich auch am Mittwoch meinen Rückflug haben sollte. Doch wäre es nicht Bolivien, wenn alles glatt und wie geplant laufen würde. Als ich am Dienstagnachmittag noch in der Innenstadt von Santa Cruz unterwegs war, um noch einige Dinge zu erledigen und mich noch mit einigen anderen Freunden zu treffen, bekam ich einen Anruf, ich sollte doch mal kurz im Reisebüro vorbei schauen, denn mein geplanter Flug wäre gestrichen worden… So eilte ich zu besagtem Reisebüro, um mich näher zu informieren und diesbezügliche Probleme zu regeln, und dort bestätigte sich auch nochmal: Flug gestrichen! Und jetzt? „Gehen Sie doch mal zur Airline, die den Flug gestrichen hat, und verlangen Sie als Schadensersatz, dass diese Ihnen eine neue Flugverbindung suchen“, war die Auskunft im Reisebüro. Am nächsten Tag früh morgens also raus aus den Federn und ins Bürogebäude meiner guten bolivianischen Airline Aerosur gepilgert. Dort angekommen erklärte mir die gute Dame: „Ist richtig, wir haben den Flug gestrichen, und den nächsten Interkontinentalflug nach Madrid auf Samstag angesetzt. Aber wegen Ihrer Verbindung müssen Sie selber schauen.“ Das war zwar sehr höflich, überzeugte mich aber keineswegs. Denn die Umbuchung meines Anschlussfluges kostete über 200 US-Dollar und ich sah irgendwie nicht ein, diese zu zahlen (und abgesehen davon hatte ich diese auch nicht mehr), wenn die gute Airline ihre Flüge streicht. Ich versuchte, das zu erklären, doch konterte die nette Dame: „Ich verstehe Sie gut, aber der Flug wurde bereits 15 Tage im Voraus gestrichen. Und wir haben da eine gesetzliche Regelung, welche besagt, dass in diesem Falle die Airline für Folgeprobleme (wie zum Beispiel Anschlussprobleme der Fluggäste) nicht aufkommen muss.“ So gingen die Verhandlungen und Diskussionen zweieinhalb Tage lang weiter, das Reisebüro stand auf meiner Seite und verhandelte mit mir bis in die höchsten Personaletagen der Airline, doch viel war nicht zu machen. Aber immerhin etwas: als Schadensersatz erreichten wir die Umbuchung in erste Klasse von Santa Cruz bis nach Madrid, und ich bekam dann noch 75 US-Dollar ausgezahlt (für die Unterkunft). So war die Umbuchungslast nicht mehr so arg, und was sehr angenehm war: der Erste-Klasse-Service im Interkontinentalflug. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich noch nie so nobel gespeist habe (um vom übrigen Service gar nicht zu sprechen) wie während dieses Fluges! Da war der Kontrast doch sehr groß zwischen den halbverrosteten Alublechtellern mit verbogenen Löffeln und der „Chicha“ aus der „Tutuma“ (der Schale einer Frucht), und der enormen Vielfalt von Speisen und Getränken, von Sushi angefangen über Seelachs, begleitet vom besten Whisky, Cognac, Weinen oder Fruchtsäften, serviert stets im stilgerechten Glas, randvergoldeten Tellern und Silberbesteck. Das habe ich aber natürlich auch genossen. So kam ich wohlbehalten, mit nur zwei Tagen Verspätung, den großen Flughafen von Madrid, und konnte von dort auch meinen Anschlussflug nach München nehmen. Doch der Kontrast zwischen der einfachen bolivianischen Esskultur und dem Erste-Klasse-Service im Flugzeug war nicht der einzige Kontrast. Während zwanzig Monaten durfte ich die große Herzlichkeit, das freundliche, offene Wesen und die Großzügigkeit der Bolivianer in der Chiquitanía genießen. Aber als ich am Flughafen in Madrid auf meinen Anschluss wartete, näherte ich mich einer Sitzbank, um mich etwas auszuruhen, wurde ich leider wieder schnell in die europäische Wirklichkeit zurückgeholt. Da bereits eine Frau dasaß, und einige Koffer herumstanden, fragte ich diese in freundlichem Ton: „Entschuldigung, sind das Ihre Koffer?“ Das hätte ich leider nicht fragen sollen, denn ich wurde angefahren in einem wütenden Grunzeton, als ob ich ihr das Wurstbrot geklaut hätte. Willkommen in Europa!

Doch darf ich dankbar feststellen, dass viele Leute, Bekannte und Freunde sich freuen, mich wieder zu sehen und sehr daran interessiert sind, wie es denn gewesen wäre, was ich erlebt hätte. Viele versuchen, mir das Wiedereinleben hier in Deutschland, daheim, so einfach wie möglich zu machen. Eine wichtige und erleichternde Rolle dabei hatte dabei für mich ganz besonders auch die „MaZ-Familie“, all die Bekannten und guten Freunde, die mit mir zusammen die Vorbereitung für diesen Auslandseinsatz gemacht haben, tolle und sehr einfühlsame Freunde, die Ähnliches erlebt hatten, wenn auch zum Teil in ganz anderen Ländern, Kulturen und Kontinenten, viele, die schon wieder längere Zeit zurück in Deutschland sind, die sehr viel Verständnis für meine momentane Situation hatten, sich um mich gekümmert haben und einfach da waren, um sich austauschen zu können. Sie erleichterten mir sehr in diesen Tagen das Wieder-Ankommen. So durfte ich eine weitere, sehr wichtige Facette, die die intensive Vorbereitung auf den Einsatz in sich birgt, erleben und wert schätzen lernen: die tragenden Freundschaften, verbunden im gemeinsamen Geist, das, was uns alle verbindet, nämlich die Erfahrungen als Missionar auf Zeit im Ausland. Dies ist meiner Ansicht nach einer der wichtigsten Aspekte, wenn nicht überhaupt der wichtigste, der Vorbereitungszeit! Viel wichtiger als die thematischen Inhalte.

Zurückschauend auf die ganzen Erlebnisse in Bolivien, auf die zwanzig Monate als MaZ in der Chiquitanía, im Tiefland Boliviens, in den beiden Pfarreien „María Asunta“ in San Ignacio de Velasco und in San Miguel de Velasco, kann ich auf einen enormen Reichtum von äußerst vielen Erfahrungen und Erlebnissen in verschiedensten Lebensbereichen wie Gemeinschaftsleben, Freundschaften, Kultur, Religion und Arbeit blicken. Dieser große Schatz so vieler Eindrücke – viele Erinnerungen treten mir jetzt während des Schreibens und immer wieder in diesen Tagen seit meiner Heimkehr in den Sinn –, dieser Schatz ist so unfassbar, ungreifbar, dass ich erst nach und nach verstehe, was ich in dieser Zeit meines Einsatzes erleben und teilen durfte und die Bedeutung, die dies für mein zukünftiges Leben haben wird. Ich bin aber auch sicher, dass es mir nie möglich sein wird, das alles hundert prozentig zu verstehen. Es ist wahr, dass es unmöglich ist in den Grenzen, die die Sprache bietet, das alles auszudrücken, was ich in mir fühle; mir fehlen im wahrsten Sinne die Worte und es wird sie nie geben. Viele Menschen fragen mich in diesen Tagen die absolut natürliche und selbstverständliche Frage: „Und? Wie war’s? War’s schön?“ Ich weiß nicht, was ich auf diese Frage antworten soll. Freilich kann ich sagen: „Super!“, „Total schön!“, „Einfach genial!“ oder so viele andere Wörter. Doch es ist schlichtweg einfach nicht möglich, das in fast zwei Jahren Erlebte in wenigen Worten darzustellen.

Aber all meine momentanen Gefühle und Sensationen zusammenfassend, kann ich sagen, dass ich erfüllt bin von einer tiefen Dankbarkeit. Dankbarkeit für einfach alles! Dankbar für alles, was ich erleben durfte, was die Menschen vor Ort mit mir teilten, was ich von ihnen lernen durfte, dafür, wie sie mich aufgenommen haben, wie sie mir anvertrauten, wie sie für mich da waren. Ich habe sehr viel gelernt; mehr als in meinen ganzen dreizehn Schuljahren. Weniger im thematischen, inhaltlichen Sinne, sondern im menschlichen, sozialen, spirituellen Sinn. So viel habe ich gelernt von den Leuten vor Ort, von ihrer Kultur, von ihrer Lebens- und Denkweise, im Umgang mit den Menschen, lernte das wirklich wichtige im Leben wertzuschätzen, lernte aus sehr tiefgründigen Freundschaften, lernte über menschliche, soziale und vor allem christliche Werte. Ich lernte den Umgang mit Kindern und Jugendlichen, mit Alten und Kranken, lernte, glücklich zu sein, auch wenn es vielleicht die äußeren Umstände nicht erlauben zu scheinen… Ich habe so viel mehr gelernt, was ich hier nicht alles aufführen kann, was mir vielleicht noch nicht einmal bewusst ist, aber was ich in mir trage.

Natürlich gibt es neben der enorm großen Schatzkiste der tollen, schönen Erfahrungen auch ein kleines Schächtelchen weniger positiver Erlebnisse, welche aber keineswegs die positiven zuzudecken vermögen. Auch die negativen Erfahrungen sind Teil eines solchen Einsatzes, Teil des Lebens an sich. Aber ich traue mich sogar zu sagen, dass die negativen Erfahrungen sich im Nachhinein, in der Gegenwart und Zukunft, in positive umwandeln, denn sie sind Erlebnisse, aus denen man lernt, die auch sehr wichtig sind, um seinen Weg zu finden.

Mein MaZ-Einsatz war ein Abenteuer auf ganzer Linie, vom ersten Tage bis zum letzten, aber mehr als ein Abenteuer, war und ist es eine große interkulturelle Begegnung, aus der alle, die Menschen vor Ort, in San Ignacio und San Miguel, genauso wie ich, viel positives mitnehmen und unsere Lebenshorizonte erweitern können, um so ein paar Schritte weiter zu gehen auf dem Weg zur Verwirklichung Gottes Reiches auf Erden, auf dem Weg hin zur Einen Welt. Jeden Tag meines Einsatzes, jede Minute, jeden Moment und jede Begegnung genoss ich überaus und sah sie stets als einzigartig an, als etwas ganz Besonderes.

Noch einmal möchte ich hier, in meinem letzten MaZ-Rundbrief, ein sehr, sehr herzliches Vergelt’s Gott und Vielen Herzlichen Dank sagen an alle, die mich stets unterstützen auf unzählige Art und Weise. Vielen Dank für die vielen, großzügigen Spenden, ohne die mein Einsatz als Missionar auf Zeit nie möglich gewesen wäre. Vielen Dank an alle, die mich materiell großherziger Weise unterstützten. Vielen herzlichen Dank an alle, die mich im Gebet begleitet, getragen und unterstützt haben. Ohne die vielseitige Unterstützung von Euch allen wäre dieses großartige MaZ-Erlebnis nie möglich gewesen. Ein herzliches Vergelt’s Gott und „muchísimas gracias de todo corazón“ an alle.

Noch einmal will ich zum bereits mehrmals in meinen Rundbriefen verwendeten Bild der MaZ-Sonnenblume zurückkehren. Das Gedicht, das mir jemand vor fast zwei Jahren beim Abschied mit auf den Weg nach Bolivien gab, war dieses:

„Wie eine große Sonnenblume aus einem kleinen Kern entsteht,

so klein beginnt ein MaZ sein Wirken, wenn er jetzt in die Ferne geht.

Wir wünschen, lieber Severin, zuerst dir eine gute Reise,

nach Bolivien, weit übers Meer, fass Wurzeln schnell im neuen Kreise.

Dort soll dein kleiner Blumenkern ganz kräftig wachsen und gedeihn.

Wie eine große Sonnenblume soll bald dein Wirken sichtbar sein.“

Ja, so war es wirklich. Sehr klein, wie der kleine Sonnenblumenkern, habe ich angefangen: zuerst die Sprache erlernen, die Leute, ihre Kultur und Lebensweise etwas kennen lernen. Die ersten Wurzeln fassen im neuen Boden, in der für mich neuen Kultur, in einer neuen, anderen Gesellschaft mit anderen Bräuchen, Gewohnheiten und Sitten. Dazu muss man die alte Samenhülle zurücklassen, der Samen, der in sich die Lebenskraft für eine große Blume birgt, muss sterben. So musste auch ich meine Heimat, meine Familie, Freunde und liebe Menschen, Hobbies und vieles andere Schöne zurücklassen in Deutschland. Doch kaum haben die ersten Wurzeln halt gefunden im neuen Erdreich, schon begann sie zu wachsen, Triebe auszubilden. Erst langsam und vorsichtig, doch dann nach und nach wurde sie immer kräftiger, stärker, sicherer. Es bildeten sich allmählich die ersten Knospen, Blätter zeigten sich. Die Sprache beherrscht man einigermaßen, erste, tiefere Kontakte und Beziehungen zu den Menschen entstehen, Arbeitsfelder werden entdeckt, das Wirken beginnt allmählich. Die Sonnenblume wächst, sie wird größer. Die Blätter werden mehr, und die ersten Blütenknospen setzen an. Und plötzlich, an einem schönen Tag, bricht die erste Blüte auf, entfaltet sich und zeigt ihre volle Schönheit. Das sind die ersten Erfolgserlebnisse. Man arbeitet, bereitet vor, sammelt Erfahrungen. Und an einem schönen Tage plötzlich kommt ein tolles Erlebnis, eine schöne, intensive Begegnung, der erfolgreiche Abschluss einer Arbeit, das Genießen-Können des einfach nur Da-Seins. Weitere Zweiglein und Blütenknospen wollen sich ausbilden. Wachsen langsam, zögernd. Doch da zieht ein Unwetter über das Land, dunkle Wolken werden vom Sturm herbei getrieben, Wolkenbrüche stürzen vom Himmel und die zarte, gerade noch blühende Sonnenblume droht, niedergerissen zu werden und abzubrechen. Aber Gott sei Dank zieht das Unwetter ab, die Sonne kommt erneut zum Vorschein und die Sonnenblume will sich die Regentropfen aus der etwas zerzausten und mitgenommenen Blüte schütteln. Unwetter gab es nicht viele während meines MaZ-Einsatzes, aber es gab sie auch. Auf einmal, urplötzlich, kommt ein unerwarteter Schlag, eine Enttäuschung, etwas hat nicht geklappt… Aber es geht weiter. Das Unwetter bleibt nicht ewig. So vergeht die Zeit. Die Sonnenblume bringt andere Blüten und Zweiglein hervor, die sie stets nach der Sonne ausrichtet, ohne der sie nicht leben kann. Aber auch einige Blüten verblühen oder ein Zweiglein bricht ab. Es vergeht der Sommer und allmählich muss sich die Sonnenblume von dem ihr liebgewordenen Garten Abschied nehmen. Die Tage werden kälter und die meisten Blüten tragen viele kleine neue Samen in sich, die alle die Anlagen für eine neue, große Sonnenblume haben. Einige von diesen Samen werden vielleicht schon bald austreiben und wachsen, andere erst in ein paar Jahren, und wieder andere verlieren sich oder werden von den Tieren gefressen. Das Lebenswerk der Sonnenblume ist vollbracht. So vergingen auch in meinem Einsatz die Tage. Die Blüten, mein Handeln und Wirken, war stets ausgerichtet nach der Sonne des Leben: Gott. Aber der Abschied kam näher und so mancher Samen fiel in Erdreich und ruht oder gedeiht auch schon vor sich hin. Das sind die Früchte des erlebten MaZ-Einsatzes. Aus einigen wird Neues hervor treiben.

So hat auch die MaZ-Sonnenblume ihr Lebenswerk vollendet, ihr Wachsen und Gedeihen in Bolivien hat ein Ende gefunden. Mein Einsatz als Missionar auf Zeit in Bolivien ist beendet. Das heißt…, fast beendet. Denn die Früchte, die Samen, bleiben ja und bergen neues Leben, neue Sonnenblumen in sich. So wünschte ich, dass ich an einen jeden einzelnen von Euch einen kleinen Samen meiner großen MaZ-Sonnenblume weitergeben kann und dieser vielleicht sogar ein wenig gedeiht und eine neue, vielleicht andere Sonnenblume hervorbringt.

In diesem Sinne wünsche ich einem jeden von Euch, euren Familien und für eure Zukunft Gottes reichen Segen!

Euer Severino Parzinger


Der Abschied: auch die Sonne verabschiedet sich jeden Tag auf's neue von er Chiquitanía.

Wasser: Um es trinken zu könne, muss man es auf dem Land erst von der ein paar Kilometer weit entfernten Pumpe holen.

Und wegen dem Wasser staut's sich auch schon mal...

wenn in der Regenzeit die Straße weggespült wird!

Die ersten Abschiedsfeierlichkeiten: hier mit der Pfarrgruppe Legion Mariae

wo man natürlich zum gemeinsamen Essen eingeladen wird.

Die Abschiedsfeier mit den Kindern von der Musikschule in San Miguel...






Das festlichste Essen kam bei den Abschiedsfeiern auf den Tisch: Gegrilltes.

...hier in San Miguel

Auch der Abschied von sehr guten Freunden ist wichtig, aber wirklich nicht leicht.


Abschied in der Pfarrei in San Ignacio...

mit all den verschiedenen Gruppen der Pfarrei
Mit den beiden Padres von der Pfarrei: Daniel und Miguel


Dieses Flugzeug brachte mich von Bolivien nach Europa, aber mit zwei Tagen Verspätung.

"Willkommen daheim!"
Für mich ein wichtiges Erinnerungsstück: die Bolivianische Flagge, auf der sehr viele Freunde und Bekannte aus San Ignacio und San Miguel unterschrieben haben.

Die Sonneblume: Mein MaZ-Symbol! Denn wie das Leben einer Sonneblume, vom kleinen Samen bis hin zur großen Blume mit wunderschönen Blüten, so ist auch der Einsatz als Missionar auf Zeit in einer anderen Kultur, in einem anderen Land. So war mein Einsatz in Bolivien.
Ausgezeichnet von vielen, wunderschönen, großen und kleineren Blüten.

Samstag, 5. Juni 2010

Zwischen musikalischen „Ausgrabungen“ und internationalem Musikfestival. Hat man da noch Zeit?


San Miguel de Velasco, Bolivien, 27. April 2010


Ein herzliches „hola y buenas tardes“ an alle!

Eigentlich, um ehrlich zu sein, habe ich gar keine Zeit. Keine Zeit? Richtig, keine Zeit! Keine Zeit, um mich hinzusetzen und einen Rundbrief zu schreiben. Doch da komme ich ins Grübeln, und beschlieβe, mich doch an den Computer zu setzen, um ein paar Gedanken und Erlebnisse in die Weite Welt zu senden. Denn ich bin es euch allen schuldig, die ihr mich so sehr unterstützt habt und immer noch unterstützt, in allen erdenklichen Formen. Und abgesehen davon, er ist ja auch seit Langem schon überfällig, der 11. Rundbrief aus meinem MaZ-Einsatz in der Chiquitanía, im Oriente von Bolivien. Aber es wird ebenfalls sicherlich der letzte aus Bolivien sein, denn die Zeit, die mir hier noch verbleibt, verkürzt sich mit jedem Tag deutlich, mein MaZ-Einsatz nähert sich mit groβen Schritten seinem Ende und das Rückflugdatum wirft seine Schatten voraus: drei Wochen noch...

Ich überlege nochmal: warum habe ich eigentlich keine Zeit? Ich hatte doch immer Zeit. Natürlich, zwischendrin immer viel los, viel zu erledigen, viel Arbeit, viele Ideen, Tatendrang. Nun sind es schon fast zwei Jahre, dass ich hier in Bolivien, in San Ignacio und San Miguel, lebe und arbeite, mit den Menschen feiere, bete und genieβe. Nie hatte ich das Gefühl, für irgendetwas wichtiges keine Zeit zu haben. Zwei Jahre, oder besser gesagt 20 Monate, am Anfang scheint es ewig lang zu sein; in so viel Zeit kann man alles machen. Doch nun erlebe ich das Phänomen, keine Zeit zu haben; keine Zeit zu haben, um zu leben? Um zu genieβen? Um einfach nur Da zu sein? Nein. Da stimmt irgendwie etwas nicht. Eine meiner Devisen war immer: wer keine Zeit hat, nimmt sich keine! Freilich ist da noch viel Arbeit, die eigentlich gemacht werden sollte. Aber ich muss auch feststellen, dass ich einige Dinge, die ich bereits angefangen habe, nicht fertigstellen werden kann. Nicht in den drei Wochen, die mir noch bleiben. Einige werde ich in Deutschland vollenden, andere muss ich anderen Leuten überlassen, oder bleiben einfach liegen (aber dann sind sie auch nicht so wichtig). So fasste ich den Entschluss, mir Zeit zu nehmen. Zeit, um die letzten drei Wochen noch so richtig intensiv zu erleben, leben und genieβen; und einen Teil der geplanten Arbeiten fertigzustellen. Aber ich werde mich davon nicht unter Druck setzen lassen. Also habe ich wirklich keine Zeit? Natürlich habe ich Zeit! Und ganz besonders nehme ich mir Zeit, um diesen letzten Rundbrief aus San Ignacio und San Miguel an jeden einzelnen von euch zu schreiben.

Den vorherigen Rundbrief schrieb ich zu Beginn des Jahres. Viel ist seither passiert. Zu viel, um alles, oder auch nur wenigstens die Hälfte, erzählen zu können. Mir wird nur möglich sein, einige kleine Bruchstücke, Erlebnisse, Erzählungen und Stichpunkte aus dem Erlebten herauszunehmen. Aber wenigstens das will ich tun.

Um nicht zuerst in weit Vergangenes zu schweifen, will ich im Hier und Jetzt anfangen. Mit dem Aktuellsten, wo wir gerade mitten drin sind: dem groβen, berühmt-berüchtigten Internationalen Barockmusikfestival, das zum achten Mal in der Chiquitanía, im Oriente Boliviano, stattfindet. Ich finde es groβartig, es hier, in Bolivien, erleben zu können, zum Einen als aktiver Teilnehmer mit der Streichergruppe von San Miguel, und zum Anderen als passiver Zuhörer der hochkarätigen internationalen Ensembles und Gruppen, welche europäische und amerikanische Barock- und Renaissancemusik interpertieren, in den unterschiedlichsten Besetzungen, von Vokalensembels und Chören über Streichergruppen, Blech- und Holzbläserensembles bis hin zu den Streichorchestern und Chören der örtlichen Musikschulen. Einfach genial. Mit der Streichergruppe der Musikschule von San Miguel konnten wir bereits zwei Konzerte erfolgreich gestalten mit einem abwechslungsreichen Repertoire wie etwa den Sonaten aus den ehem. Chiquitanischen Jesuitenreduktionen, Kammersonaten von Corelli, Duos, Trios und folklorische Stücke. Für den kommenden Donnerstag steht noch eine weiter Aufführung in der Kathedrale von San Ignacio aus. Die Probenarbeit zur Vorbereitung war und ist immer noch sehr intensiv, aber dank dem Engagement und groβen Einsatz der beiden weiteren Instrumentallehrer, welche seit Ende Januar nun beinahe vollständig das Unterrichten der Schüler übernehmen und mir so mächtig unter die Arme greifen, konnten wir zusammen die geplanten musikalischen Werke effizient erarbeiten. Und ich denke, das Ergebnis dieser sehr intensiven Arbeit (normalerweise jeden Tag eineinhalb Stunden, in den letzten Wochen vor dem Konzerten den ganzen Nachmittag und die Wochenenden) kann sich hören lassen. Auch muss ich sehr die Ausdauer und Anstrengungen der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen bewundern.

Des Weiteren war es in den letzten Monaten eine wichtige Aufgabe, welche nicht immer ganz einfach war, der Musikschule in San Miguel eine gute Infrastruktur zu geben, sie zu organisieren und die Aufgaben auf verantwortungsbewusste Leute zu übergeben. Dabei erscheint mir besonders wichtig die aktive Teilnahme der Schülereltern. Deren Teilnahme an den monatlichen Versammlungen war bisher jedoch leider immer etwas spärlich. Vor allem ist es manchmal schwierig, den Eltern klar zu machen, dass die ersten Verantwortlichen und Interessierten sie selbst sind, als Eltern ihrer Kinder, welche den Musikunterricht genieβen dürfen. Diejenigen, die sich für die Kinder und Jugendlichen einsetzen müssen, sind in erster Linie ihre Eltern. Viele scheinen das leider noch nicht verstanden zu haben. Aber einige Eltern haben schon Verantwortungen übernommen und helfen so in der Organisation mit. Auch konnten wir bereits den Musikunterricht auf ein weiteres Instrument ausweiten: Gitarre. Das Interesse der Jugendlichen an diesem Instrument ist sehr groβ. So kauften wir sieben Gitarren, und seit einer Woche sind fast 30 Jugendliche und Kinder am Gitarrelernen. Hoffentlich machen sie auch so begeistert weiter, wie sie angefangen haben. Es wird mir sicherlich nicht leicht fallen, das Musikschulprojekt sich selbst zu überlassen, aber ich bin voller Hoffnungen für die Zukunft dieser.

Als ein gröβeres Unternehmen, als ich zu Beginn der Arbeiten gedacht hatte, hat sich eine Dokumentationsarbeit der hiesigen folklorischen Musik, eingebettet in die vor allem religiösen Tradition der Bevölkerung, erwiesen. Auf Grund der Notwendigkeit einer Dokumentierung dieser Musik und seiner Traditionen, welche bereits nahe ihrem Untergang und des Vergessenwerdens steht, sah ich mich dazu ermuntert, diese Arbeit anhand der Traditionen von San Miguel auf mich zu nehmen, um der Bevölkerung, die Protagonisten dieser Traditionen, die Chance bieten zu können, mit Hilfe dieser Dokumentation die Traditionen, besonders auch in musikalischer Hinsicht, wieder neu zu beleben. Während der Arbeit fielen mir besonders zwei Dinge auf: erstens, dass es unmöglich ist, die musikalischen und religiösen Traditionen in ihrer ganzen Vollständigkeit zu erfassen, und zweitens, dass ich in den mir bleibenden drei Wochen diese Arbeit fertigstellen kann. Im ersten Punkt will ich wenigstens Versuchen, so viel wie möglich dieser wunderbaren Tradition zu erfassen, und im zweiten möchte ich zumindest das Sammeln des musikalischen Materials (Aufnahmen, Texte, etc.) abschlieβen. Die Ausführung kann ich dann auch in Deutschland fertigstellen. Eine Schwierigkeit in diesem Unterfangen besteht in der darin, die Musiker, welche diese Musik spielen und alle schon höheren Alters sind, dazu zu bringen, die Aufnahmen der Musikstücke zu machen und ihr ganzes Wissen über diese Musik und ihre Instrumente herauszubekommen. Hilfreiche Mittel dabei sind hochprozentige alkoholische Getränke wie Wisky oder andere Schnäpse. Denn nur so bleibt die Kehle feucht und munter. Doch auch damit ist es sehr schwierig, an die Aufnahmen und Informationen zu gelangen. Leider gibt es nur wenig Interesse seitens einheimischen Bevölkerung an der Neubelebung und Dokumentation dieser Traditionen. Und noch weniger von den Jugendlichen. Aber während ich mich mehr in diese Arbeit vertiefe, umso mehr erstaune ich vor der Tiefe der religiösen Bedeutung, des Symbolismus und der Botschaft darin. Es ist unglaublich, wenn man sieht, bis in welch kleinste Detailes die Überzeugung und Umsetzung des katholischen Glaubens darin geht. Da kann man vor der Arbeit, Hingabe und dem Erfolg der Evangelisierung der Jesuiten nur staunend erblassen. Unvorstellbar, was die Jesuiten damals, vor 300 Jahren leisteten und erreichten, indem sie diese Traditionen und ihre christlich-katholischen Werte in der indigenen Bevölkerung so tief verwurzeln konnten, dass sie bis zum heutigen Tage, mehr als 200 Jahre nach der Vertreibung der Jesuiten, lebendig sind.

Gerade auch wegen dieser Vielfalt der Traditionen, welche besonders in der Karwoche zum Ausdruck kommen, genoss ich diese Woche und das groβe Ereignis des Osterfestes in San Miguel. Einerseits gestalteten wir mit der Musikschule die Hauptmessen der Feiertage wie Palm- und Ostersonntag, Gründonnerstag und die Osternacht, andererseits war es mir eine besondere Freude, diese einzigartige Woche mit ihren alten, in der Bevölkerung tief verwurzelten Traditionen und Zeremonien mitzuerleben, welche in dieser Zeit am meisten Bedeutung haben. Angefangen vom Freitag vor dem Palmsonntag, an dem der letzte groβe Fastenzeitkreuzweg mit szenischen Darstellungen und der Begleitung der Statue der Virgen Dolorosa stattfindet, dem Palmsonntag mit der Palmsegnung und Prozession mit Jesus auf dem Esel, der feierliche Einzug in die Kirche, und im selben Gottesdienst noch der Umschwung hin zum Gedenken an die Passion Christi, was vor allem in der traditionellen Musik zur Geltung kommt. Die groβen Prozessionen finden dann am Mittwoch der Karwoche, Gründonnerstag und Karfreitag stets abends statt. Jedesmal mit anderen lebensgroβen Statuen von Maria, Jesus, und dem Apostel Johannes. Am Gründonnerstag der Gottesdienst mit der Fuβwaschung der 12 Apostel, welche der Priester an 12 betagteren Männern vollführt, die Eucharistische Anbetung bis Mitternacht, sowie die Karfreitagsliturgie und die in absoluter Stille gefeierte und szenisierte Abnahme des Jesus vom Kreuz und seine Bestattung im Grab, was mit einer lebensgroβen Christusstatue durchgeführt wird, die anschlieβend gesalbt, in priesterliches Gewandt gekleidet und in ein tragbares Grab gebettet wird, um danach in die Prozession hinauszuziehen. Nach der besonders feierlichen Osternacht dann das freudige und lustige Ritual der Begegnung zwischen Maria und dem Auferstandenen, dargestellt ebenso mit getragenen lebensgroβen, geschmückten Statuen, welche einen Wettlauf veranstalten, und sich dann voller Ehrfurcht treffen, begleitet von einem traditionellen Kindertanz. Daneben treten auch die Maskentänzer auf, welche, mit bunten Masken vor den Gesichtern einen etwas seltsamen Tanz zum Klang einer einfachen Bambusflöte darbieten, und so angeblich diejenigen Personen darstellen, welche Jesus verraten haben und dann vom Auferstandenen nicht wiedererkannt werden wollen. Wenn man nur die im Verlauf dieser Woche in San Miguel in Prozessionen und Zelebrationen verwandten Statuen zählt, kommt man auf 8 lebensgroβe, stets den Umständen entsprechend verkleidete und geschmückte Holzstatuen, ohne die Vielzahl der verkleideten Schauspieler und Tänzer zu zählen. Das allein zeigt schon die groβe Wichtigkeit dieser Feste für die Bevölkerung, mit einer Vielzahl der verschiedensten Traditionen und Rituale aller Art, an denen eigentlich fast alle Gläubigen aktiv mit teilnehmen. Die Feierlichkeiten der Kar- und Ostertage finden ihren Abschluss mit der Speisesegnung am Ostersonntag Mittag, bei dem aber nicht nur Speisen, sondern auch erst werdende Speisen, also kleine Kücken, Hennen, kleine Schweine, sogar bis hin zum Gürteltier, gebracht werden.

Neben diesen ganzen Aktivitäten finde ich es auch sehr wichtig, mir Zeit zu nehmen, um mich mit guten Freunden, vor allem in San Ignacio, zu treffen, zusammen Zeit zu verbringen und diese tollen Freundschaften, welche sicherlich für mein ganzes weiteres Leben eine groβe Bedeutung haben werden, zu pflegen, zu genieβen und zu festigen. Das konnte ich in den vergangenen Monaten erleben, wie hilfreich und wunderbar gute Freundschaften sind, die mit einem alle Sorgen, Nöte und Freuden teilen und tragen. Es ist wirklich war: ein guter Freund, eine gute Freundin, in die man volles gegenseitiges Vertrauen haben kann, ist mehr als Gold wert. Ohne diese Freundschaften wäre mir das Durchhalten in schwierigeren Momenten meines Einsatzes, vor allem während der kraftzehrenden Wochen der intensiven Proben vor verschiedenen Konzerten in San Miguel, nicht so leicht gefallen.

Auch darin sehe ich einen Teil meiner „Mission“ als MaZ, als Missionar auf Zeit, hier in Bolivien. Denn das Maz-Motto heiβt ja nicht nur mit-arbeiten und mit-beten, sondern in erster Linie mit-leben. Wer nicht lebt, ist nicht. Und wer sich nicht um das Leben kümmert, sondern nur um das Arbeiten, der verliert Zeit und vor allem ganz viele schöne, besondere Momente und Augenblicke. Die Leute von hier haben mich gelehrt, wie man lebt. Sie haben mich gelehrt (und tun es immer noch), allem seinen Raum zu geben: Trauer und Freude, Tatendrang und Entspannung, Anstrengung und Erhohlung. Und vor allem, alles, aber auch alles, ganz besonders als einmaliges Erlebnis zu genieβen. So bedeutet MaZ für mich auch, einfach nur Da sein. Im Hier und Jetzt. Und so Zeugnis geben von seinen religiösen und anderen Überzeugungen in jederlei Hinsicht. Es ist gar nicht so wichtig, was man genau macht, in welchen Bereich man arbeitet, für was genau man sich einsetzt, oder mit bzw. für wen man arbeitet und da ist. Das Wichtigste ist, es aus voller Überzeugung zu machen. Mission heiβt „geschickt sein“. Stimmt. Aber Mission heiβt auch in erster Linie „Da sein“. „Da sein“ für die Mitmenschen, „Da sein“ für Gott und seine Pläne.

So, genug gepredigt. In diesem Sinne wünsche ich euch, jeden Moment, jedes Erlebnis, jeden Augenblick einfach nur genieβen zu können und voll in ihm, im Präsens, zu leben, und einfach Da sein zu können. Die Fotos der vergangenen Monate werde ich dann in Deutschland aussortieren und ins Internet auf meinen Blog stellen.

Ich wünsche euch allen noch eine gesegnete restliche Osterzeit und alles Gute.

Ganz liebe Grüße an jeden einzelnen, heute aus San Miguel.

Euer Severin Parzinger




Die Ministranten in San Ignacio bei einer Tanzvorführung

...da muss sogar der Pfarrer zur Trommel greifen!

Die "Semana Santa", die ich dieses Jahr in San Miguel gefeiert habe, beginnt auch hier selbstverständlicherweise mit dem Palmsonntag,

an dem der Pfarrer natürlich zuerst die Palmzweige segnen muss,

um anschließend den feierlichen Einzug zu halten,
begleitet von der Jesusstatue auf dem Esel.

Nach jedem Festgottesdienst darf freilich der "Brindis" mit der Chicha nicht fehlen.

Besonders szenisch und dramatisch werden die Kreuzwegsandachten in den Kartagen gestaltet.


Die feierlichen Prozessen durch das Dorf an den Kar- und Ostertagen sind immer sehr eindrucksvoll.

Die Fußwaschung während der Gründonnerstagsliturgie.

Am Abend des Karfreitags wird die Kreuzesabnahme gefeiert, bei der die lebensgroße Christusstatue vom Kreuz abgenommen wird,


ins Heilige Grab gebettet wird,

und anschließend ebenfalls in einer Prozession durch's Dorf geleitet wird.

Nach den Kartagen findet die "Semana Santa" ihre Krönung im Osterfest, dessen Beginn natürlich die Osternacht darstellt.


Am Ostertage und nach der Osternacht werden traditionelle Tänze aufgeführt, sogar mit Verkleidungen.

Mit der Speisesegnung am Ostersonntag Mittag beschließt sich die "Semana Santa".

Doch kaum war das Osterfest vorüber, so stand schon das Internationale Barockmusikfestival ins Haus, bei dem eine Gruppe unserer Musikschule sehr erfolgreich teilnahm.

Wir gaben Konzerte in verschiedenen Kirchen,
in verschiedenen Kammermusik- und Streicherbesetzungen.

Die Vorbereitung dafür war sehr intensiv und es kamen sogar französische Musiker, um uns zu unterstützen und einen Meisterkurs anzubieten.

Aber nach den Konzerten brauchte man schon eine kräftige Stärkung,

damit man dann auf dem Heimweg nicht schlapp macht.

Ein weiterer Arbeitsbereich in meinen letzten Monaten war die Dokumentation der folklorischen Musik von San Miguel.
Dabei war die Aufnahmearbeit nicht immer einfach mit den guten alten Herren,

und dafür musste man schon mal stattliche Entfernungen auf dem Motorad zurücklegen, um die Musiker aufzufinden.





Zu den Aufnahmen konnte man die Leute immer nur mit einem guten Schluck Schnaps bewegen (was natürlich die Sache dann nicht unbedingt leichter machte...).